Guttenberg und das Plagiat

Der Plagiatsfall zu Guttenberg ist geeignet, die Aufmerksamkeit auf ein komplexes Problem zu lenken, mit dem auch das o:T leider immer wieder konfrontiert wird. Erst vor Kurzem gab es bei uns mehrere Fälle, in denen Lektorate abgebrochen werden mussten, weil wir in den Texten längere plagiierte Passagen vorfanden, ohne dass wir auf das Problem als solches hingewiesen wurden. Dies empfinden wir als schweren Vertrauensbruch, weil ja das Lektorat in die Verschleierung des Plagiats involviert werden soll. Auch unser Selbstverständnis ist davon betroffen, denn wir wollen unsere Kundinnen und Kunden zu einer besseren Leistung motivieren und nicht fremde Texte aufpolieren, die ja schon optimiert worden sind. Siehe dazu auch unsere Ausführungen hier.

Allerdings sind derart plumpe und dreiste Plagiate wie das  zu Guttenberg’sche (im Detail einzusehen unter GuttenPlag_Wiki) heute eher selten. Jede Kommilitonin und jeder Kommilitone im Grundstudium wird aus dem Staunen nicht herauskommen, wenn er sich dieses zusammengeschusterte Machwerk näher anschaut, das unbegreiflicherweise auch noch mit dem Prädikat „summa cum laude“ versehen wurde. Zu erklären ist dies nur so: Zu Guttenberg schrieb seine Diss zu einer Zeit, in der man noch davon ausging, dass das Internet einem Täuscher ein riesiges Reservoir an Quellen biete, aus denen man sich nach Belieben per Copy & Paste bedienen könne – auch weil man darauf bauen konnte, dass die Prüfer in diesen Dingen nicht so fit waren.

Das hat sich dramatisch verändert. Und damit sind nicht nur die Plagiatsuchprogramme gemeint, mit denen Absolventinnen und Absolventen an vielen Hochschulen gedroht wird, deren Funktionalität aber offenbar beschränkt ist (wir nutzen sie auch nicht). Vielmehr ist das Internet heute, schon weil viele Printquellen über Google Books mittlerweile online zugänglich sind, ein riesiges Reservoir für Plagiatrechercheure – die andere Seite ist also im Vorteil. Die meisten Dozentinnen und Dozenten wissen heute, dass sie nur eine charakteristische Wortfolge oder auffällige Begriffskombinationen bei Google eingeben müssen und sofort die entsprechenden Stellen auffinden – ganz ohne Plagiatrobot. Und wenn der Verdacht erst einmal besteht, lassen sich meist ohne Probleme schnell weitere Stellen finden – die Täuscher sind enttarnt und müssen zumindest eine neue Arbeit schreiben.

Ein Plagiat lohnt sich also schon deshalb nicht, weil das Risiko, entdeckt zu werden, mittlerweile viel zu hoch ist. Aber wie vermeidet man ein Plagiat? Wir stellen immer wieder fest, dass es diesbezüglich eine große Unsicherheit gibt – viele Kommilitoninnen und Kommilitonen zweifeln, ob sie nicht vielleicht aus Versehen plagiiert haben. Zwar vertreten wir die Auffassung, dass es ein „Plagiat aus Versehen“ nicht gibt – gerade zu Guttenbergs Text ist ja Ausdruck eines ganz gezielten, wenn auch nicht sehr effizienten Vorgehens bei der Verschleierung der Herkunft der montierten Textstücke. Dennoch ist dieses Problem nicht trivial – wo endet die erlaubte Übernahme, wo beginnt die unerlaubte?

Dies lässt sich vielfach tatsächlich nur im Einzelfall entscheiden. Die Mitarbeiter des GuttenPlag Wiki haben eine Kategorisierung vorgenommen, die in diesem Zusammenhang hilfreich sein kann, um festzustellen, ob bei einem selbst möglicherweise ein Plagiat vorliegt. Ebenfalls hilfreich ist ein Spiegel-Online-Artikel, der Urteile gegen Plagiatoren und deren Begründungen sowie die Ausflüchte der Verurteilten vor Gericht aufführt. (Nachtrag: Mittlerweile haben wir zum besseren Verständnis selbst einen typischen Plagiatsfall dokumentiert – anhand einer relativ kurzen Passage lassen sich gleich vier der von GuttenPlag aufgeführten Plagiattypen nachweisen. Zur Dokumentation dieses Plagiatsfalls geht es hier.)

Grundsätzlich gilt – und auch dieser Aspekt kann der Selbstprüfung dienen: Ein Plagiat ins Auge fasst im Grunde nur derjenige, der ein Problem beim Abfassen seiner Arbeit hat – sei es zeitlich oder weil er oder sie mit dem Thema nicht klarkommt. Einer dieser oder sogar beide Aspekte werden auch bei zu Guttenberg vorgelegen haben. Von der nicht gekennzeichneten Übernahme fremden Gedankenguts über längere Strecken (darin besteht das Plagiat) erhofft man sich Zeit- oder gleichsam „Gedankenersparnis“.

Dass diese Rechnung nicht aufgeht, zeigt wiederum das Beispiel zu Guttenberg deutlich: Man kann nicht Zusammenhänge, die man selbst nicht durchdacht und somit möglicherweise gar nicht durchdrungen hat, über mehrere Seiten oder gar eine komplette Arbeit hinweg so miteinander kombinieren, dass dabei – sozusagen zufällig – ein sinnvolles und gut begründetes Konstrukt entsteht. Im Gegenteil muss man ja für eine Abschlussarbeit eine Problemstellung einmal von vorne bis hinten durchdenken – sonst entstehen Textkonglomerate wie der zu Guttenberg’sche Flickenteppich oder die Textmontagen, mit denen wir in letzter Zeit zu tun hatten. Das Lektorat hat hier praktisch keine Funktion mehr, denn es kann sich nicht nachträglich die Gedanken machen, die die Verfasserinnen und Verfasser nicht investiert haben – und will das auch gar nicht, um nicht in den Verdacht der Ghostwriterei zu geraten.

Was bedeutet das für Sie als Kundinnen und Kunden und für uns als Lektorat? Wir möchten Sie auffordern, uns ganz konkret Ihre Befürchtungen mitzuteilen, damit wir gemeinsam entscheiden können, was getan werden kann, damit Sie als Urheberin oder Urheber Ihrer Abschlussarbeit gelten können.

  • Fragen dazu beantworten wir Ihnen gern in unserem Forum.
  • Sie können auch einen Kommentar abgeben (s. das Formular unten).
  • Auch per Skype können Sie uns – kostenlos und unverbindlich – befragen.
  • Wichtige Grundregeln zum Abfassen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit finden Sie in unseren 10 Geboten einer guten Hochschularbeit.
  • Da sich die gedankliche Grundstruktur einer solchen Arbeit bereits in der Einleitung deutlich abzeichnen sollte, kann auch deren sorgfältige Konzeption „antiplagiatorisch“ wirken; siehe dazu unsere Hinweise unter Wie schreibe ich eine Einleitung?
  • Auch das Fazit ist in diesem Zusammenhang ein zentraler Textabschnitt; siehe dazu unsere Hinweise unter Wie schreibe ich ein Fazit?

Hilfreiche externe Links

Die über Plagiate forschende Informatik-Professorin Dr. Debora Weber-Wulff (aktuelles Interview bei jetzt.de) hat ein Plagiatsportal ins Leben gerufen. Dort sind auch Tests der einschlägigen Software publiziert.

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